Nah im Osten.

Wo steht die Neue Musik heute? Wie positionieren sich ihre Protagonisten? Gibt es eine Zukunft der Neuen Musik oder navigiert sie sich in ein selbstgewähltes Exil? Wird die Dystopie gar zum Sehnsuchtsort?

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Konzept und Organisation des Festivals: Kulturzentrum bei den Minoriten Graz | kultum.at

Wir haben ein neues Festival entworfen, in dem wir diese Fragen kartographieren wollen: wohin wir driften und woher der Zephyr bläst. Begleiten Sie uns durch die Klippen, Schluchten und Urwälder verschiedenster musikalischer Landstriche und erkunden Sie gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern die idyllischsten wie die abwegigsten Ankerplätze des zeitgenössischen Musikschaffens. Ihre Reiseführer von 2. bis 9. Mai sind unter anderem das Ensemble Zeitfluss, das Ensemble szene instrumental und das ensemble plus.

Nah im Osten.

Ein Ausgangspunkt: Wussten Sie, dass Venedig viel weiter westlich liegt als Palermo? Oder Santiago de Chile östlich von New York City? Was wir als westlich und was als östlich wahrnehmen, sagt sehr oft mehr über unseren eigenen Standpunkt aus, als es über die Koordinaten der zu beschreibenden Objekte preisgibt. Wir wollen solchen Inkongruenzen musikalisch nachgehen, indem wir darauf blicken lassen, was uns »östlich« erscheint, was uns näher vorkommt, und wie wir uns in diesem Spannungsfeld selbst verorten.

Wir beginnen in Graz. Traditionell ist die Stadt eng an den südosteuropäischen Raum angebunden. »Ihre geografische Lage verbindet einmalig österreichische Tradition in Musik und darstellender Kunst mit dem kreativen Potential Ost- und Südost-Europas«, liest man im Text zum Profil der Grazer Kunstuniversität. Hinzu kommen die vielen verschiedenen musikalischen Spuren aus Ostasien, die man hier vielerorts im aktuellen musikalischen Schaffen bemerken kann. Nimmt man Graz als Ort der Begegnung wahr, erkennt man bald die Schönheit und den Reichtum seiner Vielfalt: Nicht das Puristische ist hier identitätsstiftend, sondern das Zusammenwirken. Eigentlich beginnen wir bei unseren südlichen Nachbarn, in der Heimat Uroš Rojkos: Die IGNM Steiermark stellt am 2. Mai im Minoritensaal Werke des slowenischen Komponisten und der in Wien lehrenden Komponistin Iris ter Schiphorst vor.

Wir haben uns auch gefragt, von wo aus wohl Graz »nah im Osten« liegen würde. Gewiss gibt es sehr viele Antworten darauf, wir wollen diesen Aspekt diesmal österreichisch ausleuchten und haben das ensemble plus aus dem westlichsten Zipfel des Landes eingeladen, uns Musik aus dem Ländle mitzubringen und zudem auch Werke aus der Steiermark zu präsentieren. Wir freuen uns auf eine musikalische Begegnung, die vielleicht mehr als nur zwei verschiedene deutsche Sprachräume überbrückt und die jedenfalls zeitgenössische künstlerische Moden diesseits und jenseits des Arlbergs gegenüberstellen wird.

Für dieses Konzert wurde übrigens in der Steiermark vonseiten des Kulturzentrums ein Call for Scores für Komponistinnen und Komponisten ausgelobt — als erfolgreiche Einreichung wurde das Stück »Windböe« von Siho Kim ermittelt. Dieses Werk kann man am 4. Mai zusammen mit Kompositionen von Richard Dünser, Michael Floredo, Margareta Ferek-Petric und Gerald Futscher im Minoritensaal hören.

Von Lautsprechern und Resonanzböden

Den Schwerpunkt unserer Konzertreihe für Neue Musik, die Begegnung von elektronischen und instrumentalen Klangwelten, wollen wir auch im Rahmen des Festivals tonraum21 in Szene setzen. So thematisieren zwei Konzerte im Cubus am 3. und am 9. Mai diese dialektische Beziehung ganz explizit.

»›CROSSTALKS‹ ist eine neue, von der österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik (ÖGZM) ins Leben gerufene Konzertreihe, die der Elektronik in ihren vielen Facetten eine Bühne bieten will. Das Spektrum umfasst u.a. Besetzungen mit Instrumenten und Live-Elektronik, Fixed Media-Werke von Soundscape-Kompositionen bis zu algorithmisch generierter Musik, live-elektronische Performances, audiovisuelle Werke und hybride Formen. Die Reihe versteht sich außerdem als Forum der Begegnung, des Austauschs und der Vernetzung von KomponistInnen und InterpretInnen«, so die Ankündigung des Konzert am 3. Mai mit Gobi Drab (Blockflöte), Szilárd Benes (Klarinette) und David Pirrò (Live-Elektronik, Klangregie) auf oegzm.at. Die Musik für diese nicht alltägliche Besetzung steuerten Marko Ciciliani, Onur Dülger, Katharina Klement, Matthias Kranebitter, Daniel Mayer, David Pirrò, Gabriele Proy, Alexey Retinsky und Veronika Simor bei. Freuen wir uns auf einen ausgedehnten Konzertabend mit zwei Uraufführungen.

Schon letztes Jahr fand ein vielbeachtetes Konzert unter dem Motto Digital:Analog mit Studierenden des Fachs Computermusik in Kooperation mit dem Institut für elektronische Musik der Kunstuniversität Graz in Cubus statt. Wir haben diese Idee heuer wieder aufgegriffen und stellen im Rahmen des Festivals tonraum21 neue Werke von Brian Questa, Artemi Gioti, Andreas Trenkwalder, Sebastian Scholz, Gloria Amesbauer, Ina Thomann, Tudor Spanu und Alyssa Aska vor, die bei Gerhard Eckel, Marko Ciciliani und Daniel Mayer im Hauptfach studier(t)en. Das Konzert verspricht Einblicke in die jüngsten ästhetischen Standpunkte unserer Zeit — vermittelt durch die neuesten technischen Möglichkeiten im Zusammenspiel mit den Klangräumen traditioneller akustischer Musikinstrumente.

NODES | KESHARIM

Das Projekt NODES möchte österreichische und israelische Komponisten zusammenführen und wurde 2017 von der ÖGZM in Kooperation mit der Israel Composers‘ League (ICL) entworfen. Graz ist die erste Station dieser  Zusammenarbeit, im Rahmen derer das Ensemble Zeitfluss am 7. Mai Werke von Ayal Adler, Hilat Ben-Kennaz, Ziv Cojocaru, Gerd Kühr, Feliz Anne Macahis, Roman Pawollek und Arnold Schoenberg/Richard Dünser auf die Bühne des großen Minoritensaals bringen wird. Es folgt tags darauf ein weiteres Konzert mit dem Ensemble Zeitfluss im Wiener Arnold Schönberg Center, ehe das Projekt NODES in Tel Aviv und Jerusalem durch das Meitar Ensemble fortgesetzt wird.

Israel gilt uns als das Land des »Nahe Ostens« – kaum ein kultureller Raum ist so eng mit jenem unserer Breiten verwoben wie der Israels. Israels Geschichte muss uns besonders nahe gehen. Das Ensemble Zeitfluss beleuchtet punktuell das herausragende aktuelle musikalische Geschehen des Landes, dem sich u.a. Arnold Schönberg zeitlebens sehr eng verbunden sah:

»I have told your friends, […] how for more than four decades it was my deepest longing to see the erection of an independent Jewish State. And even more: how deeply I desired to become a citizen of this state, and to live there. […]
God has chosen Israel as a nation, which in spite of persecution and suffering must fulfill the task to maintain and to represent the pure and true mosaic monotheism. In the same manner, Israels musicians have to fulfill a duty: To give to the world a model which alone is able to make our souls functioning as required for the development of mankind.«[1]

Am 7. Mai hören wir seine 3 Klavierstücke Op. 11 in einer Bearbeitung für Ensemble aus der Feder des in Graz lehrenden Komponisten Richard Dünser.

Verflossene Grenzen

Und nun zu etwas ganz anderem. Ein Selbstportrait: »Mit unserem Projekt Nos Incogniti versuchen wir die Sprache der Neuen Musik mit der Energie und mit der Lebendigkeit anderer Musikgenres wie Avant-Rock, Jazz, Noise, Elektronische Musik und freie Improvisation in Kontakt zu bringen. Wir komponieren und gestalten unsere Musik gemeinsam. Dabei entstehen unsere Stücke als Bearbeitung aller musikalischen Ideen und Klänge, die während unserer Proben stattfinden. Wir sind gleichzeitig die Interpreten unserer eigenen Musik.« So beschreiben die drei Grazer KomponistInnen Juan Pablo Trad Hasbun, Yulan Yu und Guillermo Villegas Alemán die Musik ihrer 2016 gegründete Formation Nos Incogniti. Wie dieser Neue Musik-affine Cocktail aus Keyboards, Schlagzeug und Bass klingt, kann man am 5. Mai im Cubus verkosten.

dystopian pleasure

Unsere Suche nach dem Osten beschließen wir mit einem Aufenthalt an einem »Unort«. Der Grazer Komponist Denovaire entwarf das Konzept für das Konzert am 5. Mai im Franziskussaal. Über Einflüsse auf sein kompositorisches Schaffen liest man auf der Website des Komponisten: »Nach Studien der indischen Musik in Delhi und Benares verschrieb er sich außereuropäischen Klängen genauso wie der europäischen Avantgarde Tradition; Einflüsse aus Jazz und Rock und kontemporären Stilen fließen dabei aber genauso in die vielschichtigen Arbeiten ein.« Das Ensemble szene instrumental unter Leitung von Wolfgang Hattinger wird Denovairs 80-minütige Multimedia-Performance »dystopian pleasure« vorstellen:

...nichts wird sein wie es heute scheint und nichts ist heute so,
wie es dann scheinen wird...
ein rhizom aus sound, trashinstrumentarium, visuals und performance
einer gesellschaft, welche schon längst den faden verloren
hat, welchen sie beansprucht zu weben

Ungewöhnliche Instrumente wie ein Fahrrad, Gongs, Metalle, eine verstärkte Bassflöte, Sampler oder eine elektrische Violine versprechen, dieses dystopische Vergnügen in aller Hinsicht sinnlich erscheinen zu lassen.

[1] Dankbrief für die Ernennung zum Ehrenpräsidenten der Israel Academy of Music;
April 1951, rev. and corr. April 26, 1951; Quelle: archive.schoenberg.at


Texte: Christoph Renhart | kultum.at

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